Knie-Ex und GdB

Erfahrungen mit Beantragung des SBA, des Merkmals "aG" und des Parkausweises
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kartenhai
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Knie-Ex und GdB

Beitrag von kartenhai » Mo Sep 19, 2011 17:32

Hallo, Betroffene und 'Wissende'!
Meine Frau wurde bereits Anfang der 90er-Jahre wegen eines Arbeitsunfalles unterschenkelamputiert. Als solche war sie seither nachvollziehbar mit einem GdB von 50% eingestuft. So weit, so gut, in den letzten Jahren bekam sie jedoch zunehmend Probleme mit dem Stumpf und dem Knie. Aus diesem Grunde wurde sie letztes Jahr nachamputiert und aus der Unterschenkelamputation wurde eine Knie-Exartikulation. Ausserdem bekam sie wegen jahrelanger, teilweise einseitiger, Nutzung von Gehhilfen eine krumme Wirbelsäule(beginnende Skoliose), sowie starke Probleme im Schultergelenk. Aufgrund dieser letzten Endes durch den Unfall verursachten gesundheitlichen Einschränkungen stellten wir letztes Jahr einen Verschlimmerungsantrag, der zunächst komplett abschlägig beschieden wurde. Auf Nachfrage und zunächst mündlichen Protests erklärte man sich dann 'wohlwollend' zu einer Einstufungserhöhung auf 60% bereit. Mit diesem Schreiben wurden wir beim VdK vorstellig. Der dortige Anwalt machte uns allerdings keine allzugrossen Hoffnungen: Eine Knie-Ex gelte rechtlich als Unterschenkelamputation, weil der Oberschenkel ja vollständig erhalten bliebe. :nichtbegreif: Für alle praktischen Anwendungen ist doch IMHO eine Knie-Ex dichter an einer Oberschenkelamputation als an einer solchen im Unterschenkel, man benötigt ein künstliches Kniegelenk und muss das Laufen praktisch komplett neu lernen. Ich sage nicht, dass das Laufenlernen nach Unterschenkelamputation wirklich einfach wäre, aber ich stelle es mir zumindest einfacher vor, wenn das Kniegelenk noch vorhanden ist.
Hier ist meine erste Frage: Wie seht Ihr das? Gibt es vielleicht ähnlich gelagerte Fälle? Meine 2. Frage betrifft das leidige Thema Parkausweis. Meine Frau kann nicht regelmässig eine Prothese tragen, weil sie insbesondere an diesen heissen Tagen dort praktisch 'rausgeschwemmt' wird und die Prothese dann natürlich überhaupt nicht mehr sitzt. Rolli-fahren geht auch nicht weit, weil dann wieder das lädierte Schultergelenk schmerzhafte Beschwerde einlegt. Einbeinig an Stützen laufen verbietet sich natürlich wegen der Schulter von selbst. Wenn das zusammengenommen keine aussergewöhnliche Gehbehinderung darstellt, weiss ich es auch nicht. Manchmal könnte ich einen Brüller lassen, wenn ich die Leute scheinbar völlig 'unversehrt' aus dem Parkausweis-bewehrten Auto springen sehe, das sie eben auf einem Rolliplatz geparkt haben. Mal abgesehen von der illegalen Nutzung von Parkausweisen, die längst verblichenen Angehörigen gehörten, wage ich die Behauptung, dass viele es tatsächlich geschafft haben, sich irgendwie einen 'legalen' Ausweis ausstellen zu lassen. Mir ist absolut schleierhaft, wie so etwas möglich ist, wenn Leuten wie meiner Frau, aber natürlich auch vielen anderen Betroffenen, die es wirklich dringend benötigen, diese 'kleine' Erleichterung verwehrt wird. :evil:
Ich würde mich über jede Antwort freuen...

Bis dahin

der Hai

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charley
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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von charley » Di Sep 20, 2011 17:22

Hallo Hai,

du legst hier deinen Finger in eine tiefe Wunde.

Zunächst muss ich dir recht geben, dass viel Behinderten-Parkausweise unrechtmäßig verwendet werden. In Stuttgart wurden mal Schwerpunktkontrollen gemacht. Das Ergebnis war erschreckend. Von der Oma geerbte und vom Verwandten im Pflegeheim ausgeliehende Ausweise ("die brauchen den Ausweis sowieso nicht") waren fast häufiger anzutreffen als völlig legal erworbene. Angesichts dieses Misstandes ist nicht mehr nachvollziehbar, mit welchen Schwierigkeiten Menschen zu kämpfen haben, die einen solchen Ausweis tatsächlich benötigen. Schlimm ist auch, dass in unserem ach so einigen Europa die Voraussetzungen, den gleichen blauen Parkausweis zu bekommen, in allen Ländern völlig unterschiedlich sind.

Die von dir genannten, nicht unüblichen, Probleme sind leider für unsere Behörden nicht ausreichend, einen Parkausweis zu genehmigen. Den bekommst du nur, wenn in deinem SBA das "aG" eingetragen ist. Und das wiederum gibt es in der Regel nur, wenn nur auf Grund einer Gehbehinderung ein GdB von mindestens 80% zuerkannt wird. Ein Oberschenkelamputierter bekommt normalerweise aber nur 70%, ein Knie-Ex- oder Unterschenkelamputierter noch weniger.

Dummerweise gibt es für die lädierte Schulter vielleicht eine Erhöhung des GdB; das hilft aber nichts auf dem weg zum aG, weil es auf die Gehbehinderung keinen Einfluss hat (sagen die Behörden).

Ein Verschlimmerungsantrag bringt dich also nur näher zum aG, wenn er Probleme am Hüftgelenk des amputierten Beins oder Probleme am an sich gesunden Bein zum Gegenstand hat (z.B. erhebliche Abnutzung im Hüftgelenk oder Kniegelenk).

Bis wir hier eine für uns alle vernünftige und akzeptable Lösung gefunden ist, müssen wir das Thema immer wieder, so oft es geht, unseren lokalen Politikern und der lokalen Presse vor Augen führen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Manche haben so schon für sich eine individuelle Lösung gefunden.

Viele Grüße
Charley
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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von kartenhai » Mi Sep 21, 2011 17:22

Hallo, Charley, danke für die aufmunternden Worte. Diese 'Mechanismen' der Einstufung sind mir eigentlich bekannt, trotzdem muss ich mich darüber wenigstens ab und an mal ein bisschen aufregen. Tatsächlich ist übrigens das 'gesunde' Bein meiner Frau durch die ständige einseitige Belastung ziemlich 'runtergewirtschaftet'. Knie und Knöchel sind meistens ziemlich dick, durch die schlecht sitzende Prothese während der vergangenen heissen Tage wurde die Belastung des vorhandenen Beins natürlich eher noch grösser. Die Kasse bzw. in diesem Falle BG versucht abzuwiegeln mit dem Argument, auch Nicht-Amputierte würden Arthrose in den Gelenken bekommen. Aber da ist, wie gesagt, der letzte Psalm noch nicht gesungen. Das geht evtl. noch vor Gericht. Das Ergebnis werde ich hier bekanntgeben.

Zunächst mal viele Grüsse an alle

Der Hai

:cheers:

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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von charley » Do Sep 22, 2011 09:02

Hallo Kartenhai,

weder für die Einstufung in einen GdB noch für die Verordnung einer Prothese ist es von irgend einer Bedeutung, warum das nicht amputierte Bein nicht ordnungsgemäß funktioniert. Ein kausaler Zusammenhang mit der Amputation ist völlig unnötig. Wenn insgesamt durch die Ampuation und die Beschwerden an der gesunden Seite eine außergewöhnliche Gehbehinderung besteht, dann ist diese Grundlage der GdB-Bemessung und damit auch der aG-Zuweisung. Und wenn durch eine nicht optimal passende Prothese das gesunde Bein mehr als normal belastet wird, so muss die Prothese geüändert oder neu gebaut werden. Wenn ein Kostenträger oder ein Versorgungsamt das nicht kapiert, führt der Entscheidungsprozess über das Sozialgericht. Leider legen es sowohl die Versorgungsämter als auch die Kostenträger zunehmend darauf an, die Entscheidung vom SG fällen zu lassen, weil sie wissen, dass die meisten Amputierten diesen weg scheuen. Er ist aber der in unserem Rechtssystem vorgesehene Weg und wer ihn nicht geht, verzichtet auf ihm zustehendes Recht.

Viele Grüße
Charley
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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von Caroline » Di Sep 02, 2014 19:06

ich möchte hier das Thema nochmal aufgreifen ,weil sich immer noch nichts geändert hat ,
ich habe 80 % und trotzdem wurde aG abgelehnt...die Gesetze sind von Bundesland zu BL verschieden
und hier in Niedersachsen bekommt man dieses Merkmal nur nach OS-Amputation oder Blindheit ,
jetzt frage ich mich wozu ein Blinder einen Behindertenparkplatz braucht....er kann nicht fahren und ist auch in der Lage zu laufen,
wenn er mit Begleitperson unterwegs ist...
warum kommt man nicht dagegen an ? weil wir nichts unternehmen und schon genug belastet sind ?
ich finde keine Erklärung,sorry
#die Einen kennen mich ,die Anderen können mich #

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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von charley » Di Sep 02, 2014 19:47

Hallo Caroline,

ich kann deinen Frust gut verstehen.

Im Gegensatz zu den Regelungen in anderen europäischen Ländern ist die Vergabe des Merkzeichens aG und admit des blauen Parkausweises in Deutschland sehr restriktiv gehandhabt. Die Regelungen wurden schon mehrfach von oberen Gerichten behandelt und meines Erachtens völlig weltfremd geurteilt. Der Versuch der Selbsthilfegruppe in Rheine, das Thema über eine Petition in dioe Politik zu bringen, war nicht von Erfolg gekrönt. Es gab von vielen Politikern verständnisvolle und positive Äußerungen; über verbale Zugeständnisse hinaus ist aber nichts passiert.

80% GdB ist normalerweise ausreichend für aG und Parkausweis. Voraussetzung ist jedoch, dass diese 80% ausschließlich auf Beeinträchtigungen der Beine zurück zu führen sind.

Ich kann nur jedem empfehlen, das Antragsverfahren für den Behindertenausweis immer konsequent zu Ende zu führen: Antrag, Widerspruch, Klage vor dem Sozialgericht. Unser Sozialwesen verwendet dieses Verfahren, um die Ernsthaftigkeit des Antragstellers zu prüfen. Voll durchgezogen führt es in der Mehrzahl der Fälle zum gewünschten Erfolg.

Viele Grüße
Charley
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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von Ina1983 » Di Sep 02, 2014 21:26

Hallo caroline,

rein zufällig kommen wir auch aus NDS und wir laufen über das Amt in Oldb.
Unser Sohnemann ist bds unterschenkelamputiert.

Er hat die Merkzeichen G,aG, H, B und einen GdB von 90% für die Amputationen und 40% der KOF hauttransplantiert.
Eigentlich steht ihm bei seinen Stumpfverhältnissen die 100% zu, aber die gute Frau vom Versorgungsamt war doch glatt der Meinung, dass die vielen Narben ja verschwinden können. Eventuell hofft sie auch noch auf das Nachwachsen der Beine :nichtbegreif:

Die Merkzeichen wurden aber so zuerkannt.

LG
Mama von
Elias --> bds. unterschenkelamputiert seit 06/2011
gelaufen 08/2014 - 12/2014, seitdem ohne Prothetik

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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von Caroline » Do Sep 04, 2014 23:10

charley hat geschrieben:Hallo Caroline,

ich kann deinen Frust gut verstehen.

Im Gegensatz zu den Regelungen in anderen europäischen Ländern ist die Vergabe des Merkzeichens aG und admit des blauen Parkausweises in Deutschland sehr restriktiv gehandhabt. Die Regelungen wurden schon mehrfach von oberen Gerichten behandelt und meines Erachtens völlig weltfremd geurteilt. Der Versuch der Selbsthilfegruppe in Rheine, das Thema über eine Petition in dioe Politik zu bringen, war nicht von Erfolg gekrönt. Es gab von vielen Politikern verständnisvolle und positive Äußerungen; über verbale Zugeständnisse hinaus ist aber nichts passiert.

80% GdB ist normalerweise ausreichend für aG und Parkausweis. Voraussetzung ist jedoch, dass diese 80% ausschließlich auf Beeinträchtigungen der Beine zurück zu führen sind.

Ich kann nur jedem empfehlen, das Antragsverfahren für den Behindertenausweis immer konsequent zu Ende zu führen: Antrag, Widerspruch, Klage vor dem Sozialgericht. Unser Sozialwesen verwendet dieses Verfahren, um die Ernsthaftigkeit des Antragstellers zu prüfen. Voll durchgezogen führt es in der Mehrzahl der Fälle zum gewünschten Erfolg.

Viele Grüße
Charley
Charley ,bei mir wurden die 80% gesplittet ,um mir dann zu erklären...es wird immer nur die schlimmste Diagnose ....heran gezogen ,
ich habe die Ablehnung hin genommen ,um 6 Monate später einen erneuten Antrag zu stellen und diese auch konsequent bis zum Ende zu erstreiten ,
dass werde ich jetzt nach der Amputation machen
ich denke nicht ,dass mit den Ablehnungen geprüft werden soll ,wie ernst es dem Antragsteller ist ,sondern....
sie hoffen ,dass 9 von 10 aufgeben und wenn sie dann einen bewilligen müssen ,egal ob Rente oder GdB ,haben sie erreicht was sie wollten..
das die Damen und Herren prozentuale Vorgaben haben ,60 % "erstmal " abzulehnen , sagt doch alles ...LG Carla
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Re: Knie-Ex und GdB

Beitrag von Caroline » Do Sep 04, 2014 23:14

Ina1983 hat geschrieben:Hallo caroline,

rein zufällig kommen wir auch aus NDS und wir laufen über das Amt in Oldb.
Unser Sohnemann ist bds unterschenkelamputiert.

Er hat die Merkzeichen G,aG, H, B und einen GdB von 90% für die Amputationen und 40% der KOF hauttransplantiert.
Eigentlich steht ihm bei seinen Stumpfverhältnissen die 100% zu, aber die gute Frau vom Versorgungsamt war doch glatt der Meinung, dass die vielen Narben ja verschwinden können. Eventuell hofft sie auch noch auf das Nachwachsen der Beine :nichtbegreif:

Die Merkzeichen wurden aber so zuerkannt.

LG
....das zeigt doch nur ,dass die keine Ahnung haben ,wie es Deinem Kind und Dir ergeht ,unbegreiflich und anmaßend für mich ,
alles Gute für Euch ,LG
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